„Egal was kommen wird, es wird gut gehalten“
- kathrin-justen
- vor 5 Tagen
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Julia ist Teilnehmerin im aktuellen Qualifizierungskurs unseres Hospizdienstes, der im vergangenen Herbst gestartet ist. Sie wird uns in den kommenden Monaten in unregelmäßigen Abständen von ihrer Reise durch den Kurs und den Start in die ehrenamtliche Hospizarbeit berichten.

Julia ist 44 Jahre alt und wohnt mit ihrer Familie in Stuttgart. Sie arbeitet als Heilpraktikerin, beschränkt auf das Gebiet der Psychotherapie, in eigener Praxis.
Erzähl doch mal, wie du zu der Idee kamst, Hospizarbeit machen zu wollen.
Das Thema war schon lange in meinem Kopf. Es war für mich so klar, dass ich dies irgendwann machen werde, dass ich das auch immer wieder zu Menschen im Bekanntenkreis gesagt hatte. Ich wusste nur noch nicht, wann der richtige Zeitpunkt dafür ist.
Was meinst du damit?
Auch wenn ich wusste, dass ich Hospizarbeit machen möchte, habe ich einen gewissen Respekt gespürt. Zudem hätte diese Aufgabe einfach noch nicht in mein Leben gepasst. Vor allem hatte ich aber das Gefühl, dass ich selbst für mich noch ein bisschen innere Auseinandersetzung mit den Themen Sterben, Tod, Trauer brauchte – um bereit dafür zu sein, andere Menschen darin zu begleiten. Meine Eltern sind früh gestorben, was viel Verarbeitung brauchte. Vor allem der frühe, schwere Verlust meiner Mutter war sehr prägend für mich.
Was hatte sich dann verändert, so dass du nun Teilnehmerin unseres Kurses bist?
Das Thema hat sich für mich weiter verdichtet. Durch eigene Erfahrungen der vergangenen Jahre, aber auch durch meine therapeutische Arbeit, in der ich inzwischen einen Schwerpunkt auf Trauerarbeit gelegt habe. Zudem ist vor einem Jahr ein mir sehr nahestehender Onkel verstorben. Damals hätte ich ihn gern enger begleitet, was aber von ihm nicht gewünscht war. Er war ein Mensch, der für sich sterben wollte. Das war spürbar. Ich war dann froh über die Momente, die ich ihn noch sehen konnte. Und habe dabei wieder gemerkt, wie groß mein Wunsch ist, Menschen in solchen Situationen zu begleiten – Menschen, die sich auch begleiten lassen möchten! Ich wusste dann, dass der Moment, den Schritt in die Sterbebegleitung zu gehen, nun da ist.
Wie bist du dann zur AWO gekommen?
Ich hatte vor zwei Jahren schon einmal Kontakt aufgenommen mit Christoph (Keiper) und mich damals aber gegen den startenden Kurs entschieden. Es passte für mich noch nicht. Mit der neuen Kontaktaufnahme habe ich dann richtig gespürt, dass jetzt die Zeit reif ist, dass ich diese Aufgabe nun wirklich angehen will.
War es für dich wichtig, dass der Hospizdienst der AWO nicht-konfessionell und humanistisch ausgerichtet ist?
Bei meiner ersten Recherche hatte ich schnell die AWO gefunden und sofort gewusst, dass das viel besser zu mir passt. Ich bin zwar offiziell evangelisch, habe aber recht wenig Bezug zur Kirche. Und alles, was ich zur AWO gelesen hatte und zum Hospizdienst, hat mich direkt angesprochen. Gerade die humanistische Grundhaltung. Ich bin nach humanistischen psychotherapeutischen Methoden ausgebildet und diese Sichtweise auf den Menschen und dessen Begleitung entspricht mir total. Das hat sich einfach alles sehr stimmig angefühlt!
Der Qualifizierungskurs ist nun in vollem Gange. Wie war der Start für dich?
Ich hatte mich schon die Monate vorher sehr auf den Start gefreut und dachte des Öfteren: Wann geht's jetzt endlich los? Der Start war dann sehr angenehm. Es war vom ersten Termin an eine Atmosphäre, in der ich mich wohlgefühlt habe. Wir haben zunächst viel zum Thema Kommunikation gemacht und bislang noch recht wenig zu eigenen Erfahrungen mit dem Tod. Das heißt, bisher war es noch nicht so intensiv für mich bezüglich eigener emotionaler Selbsterfahrung. Sollte ich hier mit meinen Themen in Kontakt kommen, weiß ich auch momentan nicht genau, wie das für mich werden wird. Aber es ist dieses Gefühl da: egal was dort kommen wird, es wird gut gehalten.
Gibt es Inhaltlich etwas, wo du sagst, das hat direkt stark resoniert mit dir?
Zurzeit machen wir viele Rollenspiele und jeder darf sich als Begleiterin oder Begleiter ausprobieren. Dabei wird aus meiner Sicht besonders deutlich, wie unterschiedlich wir alle sind und dass diese Vielfalt sehr wertvoll ist für unsere künftige Aufgabe. Wir lernen gemeinsam, probieren uns gemeinsam aus – dabei gibt es kein Richtig und kein Falsch. Und jeder geht künftig mit seiner und ihrer persönlichen Lebensgeschichte und -erfahrung in die Begleitungen. Das finde ich sehr schön und auch hier erkenne ich die humanistische Grundhaltung wieder.
Hast du bereits eine konkrete Idee dazu entwickeln können, wie du ab dem kommenden Sommer dann selbst in Sterbebegleitungen gehen wirst?
Ich glaube, es ist ganz wichtig, auf die eigene Intuition und das, was sich jetzt im Laufe des Kurses entwickelt, zu vertrauen. Denn es wird sicherlich Situationen geben, mit denen ich vorher nicht gerechnet hätte oder die vorher auch wenig planbar sind. Ich habe auch einen Teil in mir, der gerne planen möchte, der gerne vorbereitet ist und der gerne die Kontrolle behält. Da merke ich immer wieder, wie gut es tut oder wie wichtig es ist, sich in unvorhergesehenen Situationen einfach einzulassen und im Vertrauen zu bleiben. Um im jeweiligen Moment so zu handeln, wie es sich gut anfühlt. Intuitiv und authentisch. Die Art und Weise, wie wir im Kurs über diese potenziellen Situationen sprechen, hilft mir dabei.





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