„So ist das Leben“ – Ethikabend mit Carola Riehm, Leiterin des Hospiz Stuttgart
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Aktualisiert: vor 1 Tag
„Immer wieder erzählt mir ein älterer Mann von seiner Lebensmüdigkeit. Und dann isst er wiederum mit Genuss, ist redselig, wirkt so gar nicht bereit zum Sterben. Wie gehe ich damit um?“, fragt eine unserer ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen.

Die Frage richtet sich an Carola Riehm, die an diesem Abend bei der AWO zu Gast ist. Carola Riehm leitet seit zwei Jahren das Hospiz Stuttgart. Davor arbeitete sie 27 Jahre lang in einer Klinik, anfangs als Krankenpflegefachkraft, dann auf der Palliativstation, später wurde sie Mitglied der Klinikleitung, studierte Pflegewissenschaften sowie Management und Führungskompetenz. In der Filderklinik initiierte sie zudem die Ethikkommission. Ethik ist auch das Thema, zu dem Carola Riehm heute ins Gespräch geht.
Orientierung haben
Themenabende wie den mit Carola Riehm organisiert AWO Hospizdienstleiterin Katharina Wichelmann regelmäßig. Auch, aber nicht nur, weil die Richtlinien des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands solche Fortbildungen vorsehen.
Ehrenamtliche der Hospizarbeit sind oft mit komplexen Bedürfnissen konfrontiert. Gruppenabende und Supervisionen sind ein Weg, ihnen Orientierungshilfen zu geben. Expertenrunden ergänzen das Angebot. Und weil Ehrenamtliche oft auch von ethischen Dilemmata berührt sind, plant Katharina Wichelmann das Thema Ethik ein. Zudem sollen generell Unsicherheiten der Teilnehmenden heute ihren Raum erhalten.
„Wie reagiere ich richtig?"
„Wie reagiere ich richtig?" – das ist eine der Fragen, die Ehrenamtliche in der Sterbebegleitung beschäftigt. „Oft reicht das Zuhören“, sagt Carola Riehm. „In der Begleitung Sterbender ist es nicht unsere Aufgabe, Ratschläge zu geben.“ Bei dem als Beispiel eingebrachten alten Mann, der das Leben genießt und trotzdem mit dem Tod liebäugelt, sei es nicht nötig, eine klare Linie in seinen Worten und seinem Handeln zu finden. Ein Thema kann von einer Person in verschiedenen Situationen sehr unterschiedlich empfunden werden. „So ist das Leben. Das Leben ist mehrdeutig, voller Ambiguitäten.“
Wenn der Wille unklar ist
Die Begleitung schwerstkranker und sterbender Menschen erfordere Offenheit von Begegnung zu Begegnung und Perspektivwechsel, darauf kommt Carola Riehm immer wieder zu sprechen. Verschiedene Perspektiven spielten umso stärker eine Rolle, je weniger klar ist, welche Entscheidung die sterbende Person selbst treffen würde. Hier geraten vor allem deren Angehörige in Entscheidungsnot.

Wie verhält es sich zum Beispiel, wenn eine an Demenz erkrankte Person ihren Mund zusammenkneift, um nicht zu essen? Kann man dieses Verhalten als Willensäußerung betrachten? Was ist, wenn die Angehörigen, die Ärztinnen und Ärzte sowie die Pflegenden unterschiedliche Deutungen einbringen? „Eine ethische Fallbesprechung kann eine Hilfe sein“, empfiehlt Carola Riehm.
Alle werden gehört
Eine ethische Fallbesprechung findet am runden Tisch statt; die Beteiligten können mit dieser Methode das Entscheidungsdilemma systematisch beleuchten. Es gibt vier Bereiche, die im moderierten Kreis durchgesprochen werden: die Autonomie der Person, das Prinzip des Nicht-Schadens, das Prinzip des Wohltuns sowie die Frage der Gerechtigkeit. In der ethischen Fallbesprechung kommen alle Beteiligten zu Wort, ihre Stimmen werden gleichermaßen gehört, um im Sinne der betroffenen Person handeln zu können. An oberster Stelle steht immer deren Würde und Lebensqualität.
Der Mut zum Nachfragen
Die ethische Fallbesprechung kann hilfreich sein, ist oft aber auch nicht nötig. Nicht selten reiche Nachfragen bereits aus, um den Fokus der Beteiligten auf den sterbenden Menschen zu richten. „Hier könnt ihr als Begleitende Mut zusprechen – Mut zum Nachfragen“, meint Carola Riehm. „Es ist oft sehr hilfreich, wenn Sterbende und ihre Angehörigen, von Ärztinnen und Ärzten eine Einschätzung einfordern: Wie hilft die Maßnahme wirklich? Was ist der Profit für den Menschen?“
Zu Entdeckungen kommen
Ethik als philosophische Disziplin gibt es seit dem vierten vorchristlichen Jahrhundert – es ließen sich Bibliotheken mit den Inhalten füllen. Carola Riehms Themenabend bleibt deswegen ausschnitthaft und sehr konzentriert auf das, was die ehrenamtliche Sterbebegleitung berührt und prägt.
Für die Begleiterin des Mannes, der manchmal Todeswünsche äußert und oft genug das Leben genießt, hat Carola Riehm noch eine Empfehlung: „Wenn du aufmerksam wahrnimmst, kannst du vielleicht entdecken, was die Lebenslust des Mannes ankitzelt. Umgekehrt findest du vielleicht heraus, was die Lebensmüdigkeit nährt. Solche Entdeckungen sind spannend und erhellend.“
Buchempfehlungen von Carola Riehm
Maio, G. (2024). Ethik der Verletzlichkeit. Freiburg im Breisgau: Herder. Der Autor entwickelt ein fundiertes ethisches Plädoyer für die Behutsamkeit in einer zunehmend leistungsorientierten Gesellschaft. Er zeigt auf, dass gerade die Anerkennung unserer Verletzlichkeit die Basis für echte Menschlichkeit und gegenseitige Fürsorge bildet.
Schlingensief, C. (2009). So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein!: Tagebuch einer Krebserkrankung. Köln: Kiepenheuer & Witsch. Dieses Tagebuch verfasste Christoph Schlingensief während seiner Krebserkrankung. Es ist ein Buch über die Liebe zum Leben und den Kampf darum. Über Angst und Hoffnung schreibt der Regisseur und über die Kraft der Kunst im Angesicht der Sterblichkeit.
Wilber, K. E. (2009). Mut und Gnade: Die Geschichte einer großen Liebe – das Leben und Sterben der Treya Wilber. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch. Dieses Buch erzählt Treya Wilbers Kampf gegen eine Krebserkrankung. Es ist die Geschichte einer Liebe und vieler Grenzsituationen.
Filmempfehlung von Carola Riehm
Cassavetes, N. (Regisseur). (2009). Beim Leben meiner Schwester [Originaltitel: My Sister's Keeper]. Der Film erzählt die Geschichte einer Familie. Für die krebskranke Tochter wird ein weiteres Kind als „genetisch passende Spenderin“ gezeugt wurde. In dem Film geht es um die Frage, wie instrumentell ein menschliches Leben genutzt werden darf.





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